Stephan Görner Stilkolumne in der FNP

Fettflecken gehören nicht in den Lebenslauf

Stil sind alle nach außen sichtbaren Merkmale einer Person. Er ist die Visitenkarte des Geistes.

Dazu zählen recht viele sicht- und lesbaren Dinge, die wir unserer Umwelt antun.

In den letzten Wochen flatterten wie unzählige Bewerbungen im einen Praktikumsplatz in unserem Atelier herein. Es ist ganz sicher sehr lobenswert und eine Bestätigung für unsere Arbeit, daß sich junge Menschen für den Beruf auf der einen Seite, und für unsere Firma auf der anderen Seite entscheiden.

Alles richtig gemacht! Was uns etwas zweifeln lässt ist das „wie“.... Zunächst erreichen uns Bewerbung per Mail, die so unmögliche Absenderadressen haben, dass wir uns, um sie überhaupt ausfindig zu machen, stundenlang im Spamordner zwischen Penisverlängerungen und nigerianischen „Hell-my-good-friend“-Betrugsanbahnungen durchkämpfen müssen.

Zuckerschnecke94@hotmail.de ist keine Adresse, die Bewerber zur Versendung von Bewerbungsmails nutzen sollten.

Vor allem in einem Berufsfeld, das im Kern mit Begriffen wie „Stil“ und „Niveau“ assoziiert wird.

Ich mag mir nur schwer vorstellen, dass „Zuckerschnecke94“ einen erfolgreichen und eloquenten Kunden darin berät, welches Einstecktuch zu welcher Krawatte passt.

Einen Vorteil hat die Versendung der Bewerbung per Mail natürlich schon. Der Empfänger sieht die möglichen Fettflecken nicht. Im Gegensatz zu schriftlichen Einreichungen, die es auch heutzutage durchaus noch gibt.

Diese lassen mich manchmal verzweifeln. Nicht weil ich mich als „Stilpabst“ mit erhobenem Zeigefinger über andere Menschen stellen möchte, sondern weil ich es so unheimlich schade finde, wie junge Menschen ihr Potential verschenken.

Als mein Jahrgang Ende der 80er Jahre die Schule verließ wurden Bewerbungen um Praktika und Ausbildungsplätze mit den Lehrern gemeinsam durchgelesen. Vor dem Versenden! Soweit ich mich erinnere, wäre das Verschicken von Fettflecken und eingerissenen Ecken ein Novum gewesen.

Hier stellt sich natürlich auch die Frage, ob solche negativen Beispiele in der Verantwortung der Schüler, Lehrer oder Eltern liegen oder ob es ein roter Faden ist, der sich durch die gesamte Gesellschaft zieht.

Die Bewerbung ist der Eintritt in das Berufsleben. Es ist der Spiegel der Persönlichkeit für junge Menschen, die noch keine eigene, richtige Visitenkarte besitzen.

Dementsprechend sorgfältig müssen sie umgesetzt werden. Das ist eine Frage der Persönlichkeit und des eigenen Stils. Vor allem in Berufen, bei denen es genau darauf ankommt.

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